Die Hans-Stubbe-Straße in Gatersleben (Beitrag 4)

Die Hans-Stubbe-Straße in Gatersleben (Beitrag 4)

von Jürgen Hofemeister

Diese Straße in unserer Gemeinde führt vom Erwin-Baur-Platz zum Ortsausgang in Richtung Quedlinburg. Die ehemalige Thälmannstraße erhielt ihren Namen 1992 auf Beschluss des Gemeinderates im Geist der politischen Wende zur Ehrung von Hans Stubbe als Gründer und Direktor des heutigen IPK in Gatersleben. Hans Stubbe, 1902 in Berlin geboren, wird nach Studium der Landwirtschaftswissenschaften in Berlin und Göttingen als Student und Erntehelfer erstmalig 1927 mit seinem späteren Mentor und damals bedeutendsten deutschen Pflanzengenetiker und -Züchter Erwin Baur bekannt. Ab 1928 wird er Assistent und von 1929 bis 1936 sein Mitarbeiter im Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Züchtungsforschung in Müncheberg. Seine berufliche Entwicklung ist nun geprägt durch die innovationsfreundliche, demokratisch-liberale Atmosphäre der Weimarer Republik, die auch im Baur’schen Institut herrscht. Hier profiliert sich Stubbe als Leiter der Abteilung für Experimentelle Mutationsforschung auf zwei neuen Arbeitsgebieten – der Strahlen- verursachten Mutagenese (bei Antirrhinum, dem Gartenlöwenmaul, fortan Standardobjekt seiner Forschung) und der Sammlung und Archivierung von Wild- und Kulturpflanzen (als Ressource für die Pflanzenzüchtung weltweit). Dabei wird ihm die außerordentliche Bedeutung, Breite und Dringlichkeit dieser wissenschaftlichen Arbeitsgebiete für die Entwicklung der landwirtschaftlichen Forschung bewusst. Er findet Unterstützer, Freunde und Förderer für sein Anliegen auch dank seiner ins Ausland reichenden Kontakte. Die guten Beziehungen der Weimarer Republik zu der noch jungen Sowjetunion nutzt Stubbe 1929 (mit einem Textilkoffer voller Geschenke) zum Besuch von Nikolaj I. Vavilov, dem berühmten russisch- sowjetischen Genetiker und Begründer einer ersten Sammlung von Kulturpflanzen in Leningrad. An den berühmten „Textilkoffer“ mit Geschenken, wird sich nach dem Krieg auf der sowjetischen Kreiskommandantur in Quedlinburg 1945 ein 1929 von Stubbe „Beschenkter“ Mitarbeiter Vavilovs, jetzt sowjetischer Oberstleutnant, erinnern und Stubbe fortan in dessen Angelegenheiten großzügig unterstützen.

Inzwischen hat Stubbe 1934 seine Kollegin Charlotte Kutscher geheiratet. 1935 wird der erste von fünf ihrer Söhne geboren. Nach Baur’s Tod und dem Wechsel der Institutsleitung in Müncheberg werden Stubbe und zwei seiner Freunde marxistisch-liberal-pazifistischer Einstellungen beschuldigt und nach ehrengerichtlichen Verhandlungen zum 14.2.1936 entlassen. Stubbe findet Unterstützung und Arbeit am KWI für Biologie in Berlin-Dahlem bei seinem Mentor Fritz von Wettstein. Ab 1939 bewirbt er sich beharrlich um die Leitung des inzwischen in Tuttenhof bei Wien geplanten KWI für Kulturpflanzenforschung. Trotz politischer Bedenken der NSDAP erhält Stubbe, erneut mit Hilfe von Fritz von Wettstein und der Generalverwaltung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, zum 1.4.1943 die Berufung zum Direktor des Instituts bei Wien. In den letzten Kriegsjahren organisiert er die Einrichtung des Instituts und die Erweiterung seiner Sammlung von Kultur- und Wildformen von Kulturpflanzen auch durch Sammelreisen in einige damals von Nazi-Deutschland besetzte Länder.

Seit 1944 wird sein Institut bei Wien massiv bombardiert. Angesichts der Zerstörungen sieht sich Stubbe genötigt, das Institut und seine Sammlungen mit einem Teil seiner Mitarbeiter zu verlagern. Unterstützt durch Gustav Becker, der in der Saatzuchtfirma „Gebrüder Dippe A.G.“ in Quedlinburg die Forschungsabteilung leitet, avisiert er die Evakuierung in das Umfeld von Quedlinburg. Ein Gasthof in Stecklenberg/Harz bietet die erste Unterkunft. Durch glückliche Umstände und mit Unterstützung der sowjetischen Besatzungsmacht (siehe oben) findet Stubbe im Herbst 1945 auf der Domäne unserer Gemeinde einen neuen Standort und entscheidet sich für den Verbleib im damaligen sowjetisch-verwalteten Osten Deutschlands. Der Aufbau des Instituts, der Bau von Wohnungen und Straßen war bis 1968 im Wesentlichen abgeschlossen.

Bis 1967 ist Stubbe Direktor des Gaterslebener Instituts für Kulturpflanzenforschung der Akademie der Wissenschaften (der DDR) und Professor am Lehrstuhl für Genetik der heutigen Martin-Luther-Universität in Halle/Wittenberg. Zwischen 1951 und 1956 ist es ihm zu verdanken, dass die sogenannte „Lyssenko- Genetik“ in der DDR und letztendlich im gesamten „Ost-Block“ nicht den Einfluss auf Forschung und Lehre genommen hat, wie er auf Stalins Weisung als Glaubensbekenntnis allen „fortschrittlichen Genetikern“ in der Sowjetunion und den „Bruderländern“ rigoros befohlen wurde. Was 1951 durchaus ein riskantes Unternehmen war, sucht Stubbe Lyssenko bei einem Besuch der Sowjetunion persönlich auf, um die von ihm als „unwissenschaftlich“ kritisierte Lehre zu erörtern. Anhand von Nachforschungen Gaterslebener Wissenschaftler konnte Stubbe 1953 auf höchster Ebene Walter Ulbricht persönlich davon überzeugen, „dass sein Institut weiter wie bisher arbeiten solle“.

Ohne je vor oder nach 1945 einer staatstragenden Partei angehört zu haben, werden Stubbe weitreichende und verantwortungsvolle wissenschaftsorganisatorische und gesellschaftspolitische Aufgaben übertragen: Von 1951 bzw. 1963 bis 1968 ist er Präsident der von ihm mitbegründeten Akademie der Landwirtschaftswissenschaften und Mitglied im Landwirtschaftsrat beim Ministerrat der DDR. Neben Johannes R. Becher hat Stubbe bis 1986 als Vertreter des Kulturbundes einen Sitz in der Volkskammer der DDR. Als passioniertem Jäger ist ihm stets der Naturschutz, die Jagd- und Wildforschung, der Ausgleich von Interessen der Landwirtschaft und Ökologie und als Beirat der Obersten Jagdbehörde der DDR und weiterer staatlicher Behörden auch die Gründung von Schutzgebieten in Ostdeutschland ein wichtiges Anliegen. Hans Stubbe war Träger zahlreicher staatlicher Auszeichnungen, mehrfacher Ehrendoktor, Mitglied mehrerer Akademien und Herausgeber von Büchern und Zeitschriften. Er verstarb im Alter von 87 Jahren am 14. Mai 1989 in Zingst/ Usedom.

Ein Nachtrag: Die Persönlichkeit Hans Stubbe wurde wesentlich geprägt durch Vorbilder wie Erwin Baur und Fritz von Wettstein sowie Freunde und Kollegen im Ausland, von denen ihm bereits in Zeiten der Weimarer Republik Nikolai W. Timofejew-Ressowsky (1900-1981) und Nikolai I. Vavilow (1887-1943) besonders nahestanden. Timofejew-Ressowsky hat Stubbe 1988 einen anrührenden Nachruf in Daniel Granins biographischem Buch „Sie nannten ihn Ur“ gewidmet. In Stubbes Vermächtnis hat das Gaterslebener Institut den Gebäudekomplex von Systematik und Genbank 1976 den Namen „Vavilov-Haus“ verliehen.

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