Wer ist Erwin Baur? Teil 2. Erwin Baur, die Eugenik und Rassenhygiene in seiner Zeit

Wer ist Erwin Baur? Teil 2. Erwin Baur, die Eugenik und Rassenhygiene in seiner Zeit

von Jürgen Hofemeister, Gudrun Mönke und Ingo Schubert

Zur Bedeutung Erwin Baurs für die Genetik und Züchtungsforschung steht in einem Nachruf von Hans Stubbe 1934: „Sein Name ist stets unter den aller ersten zu nennen“. Das hatten wir im ersten Beitrag über seine berufliche Entwicklung zum Pionier der Genetik auf dem ersten deutschen Lehrstuhl für Genetik an der Berliner Universität und zum Gründer und Direktor des Müncheberger Instituts für Züchtungsforschung deutlich machen wollen. Hier soll sein Wirken in der eugenischen Bewegung seiner Zeit verfolgt werden, um zu verdeutlichen wie im Vorfeld rassistischer Ideologien im Nebeneinander von Wissenschaft und Politik bevölkerungspolitische Ideen geboren, missbraucht und verworfen wurden.

Teil 2. Erwin Baur, die Eugenik und Rassenhygiene in seiner Zeit

Das erste Drittel des 20. Jahrhunderts war in Deutschland durch Krieg, Wirtschaftskrisen und politische Umbrüche gekennzeichnet. Für einen großen Teil der Bevölkerung waren es Jahre der sozialen Not und Unsicherheit. Erwin Baur war als Genetiker und Züchter um die Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft durch züchterische Neuerungen bemüht. Als Mediziner und prominenter Genetiker beschäftigte er sich mit großem Interesse auch mit den aufkeimenden Ideen der Eugenik, die in Deutschland später auch als Rassenhygiene bezeichnet wurden.

Ein Ausgangspunkt für die Eugenik war das epochale Werk „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ von Charles Darwin 1859. Es begründete eine neue Weltsicht, wonach alle Lebewesen einschließlich des Menschen im Verlauf der Naturgeschichte durch natürliche Auslese, d. h. bevorzugte Vermehrung der jeweils „Bestangepassten“ einer Rasse, Art oder Population, sich von Stufe zu Stufe weiterentwickeln. Diese Gedanken zur Evolution brachten den CousinDarwins, den britischen Anthropologen Francis Galton 1869 zu der Erkenntnis, dass in der Entwicklung moderner menschlicher Gesellschaften auf Grund medizinischer und sozialpolitischer Maßnahmen die natürliche ‚Negativ-Auslese‘ von Individuen mit unvorteilhaften Eigenschaften fehlen und die Anreicherung „negativer“ Merkmale zur Belastung künftiger Generationen führen würde. Es müsse ein Weg gefunden werden die fortschreitende „Entartung“, sprich Verschlechterung der erblichen Gesundheit von Rassen und Völkern zu verhindern. Mit diesen Ideen begründete Galton die Eugenik als Teilgebiet der Genetik mit medizinisch-hygienischem Anliegen. Die Eugenik beschäftigte sich v.a. mit erblichen Krankheiten und deren Vererbung. Als eugenische oder bevölkerungspolitische Maßnahmen wurden Besteuerungs- und Familienpolitik, Eheberatung, Verhinderung von Nachkommen geistig oder körperlich Kranker u.a. durch Sterilisation erwogen. Die Eugenik fand seit 1900 nicht nur in Deutschland und Europa, sondern besonders in den USA eifrige Unterstützer, v.a. unter Ärzten und Genetikern, so auch von Erwin Baur.

Baur wird 1907 aktives Mitglied der neu gegründeten Berliner Ortsgruppe der Gesellschaft für Rassenhygiene, die sich seit 1916 in Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene (Eugenik) umbenannte vermutlich, um ein als rassistisch deutbares Anliegen zu entschärfen. 1917-1919 ist Erwin Baur ihr Präsident. In Deutschland und im Ausland besonders heftig diskutiert werden umstrittene Fragen der genetisch-medizinischen Diagnose, der Freiwilligkeit von Maßnahmen bzw. gesetzlichen Regelungen.

In diese Diskussionen hinein erscheint 1921 in Deutschland das Lehrbuch „Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene” der Autoren Erwin Baur, Eugen Fischer und Fritz Lenz. Der „BFL“ wird in mehreren Auflagen auch international zum Standardwerk der Rassenhygiene bis 1945. Baur beschreibt im einführenden Kapitel die Grundlagen der Genetik als Co-Autor. Den Hauptteil des Buches zu den Themen Eugenik, Rasse und Rassenhygiene verfassen Fischer und Lenz. In den folgenden Auflagen bis 1936 wird die Beschreibung von Erbkrankheiten stark erweitert. Einige Gutachter betonen, dass das Buch in Teilen rassistisches und nationalsozialistisches Gedankengut propagiert und verbreitet hat. Die Mitarbeit an diesem Werk ist Baur zum Vorwurf gemacht worden, weil er sich trotz seiner Aussage, dass es keine „reinen“ menschlichen Rassen, als auch keine reine „arische Rasse“ gäbe, sich hier nicht konsequent gegen rassenhygienische „Reinigungs- und Auslese-Theorien“ ausgesprochen hat. Dabei hat sich Baur als Befürworter der positiven Eugenik und der Freiwilligkeit eugenischer Maßnahmen eingesetzt. Eugenik hätte aus medizinischer Sicht schreibt Rolf Knippers, einen rationalen Kern, wenn sie nicht in gesetzlich erzwungene Maßnahmen und schließlich in verbrecherische „Vernichtung unwerten und unerwünschtem Lebens“ entartet wäre.

Erwin Baur war Mitherausgeber der Zeitschriften „Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie“ sowie „Volk und Rasse“, die als wissenschaftliche Fachjournale gelten. Welche Erwartungen Baur bei Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 hegte, bringt der „schicksalsschwere“ Satz zum Ausdruck: „daß von niemand sonst die Sterilisationsgesetze der Reichsregierung mehr gebilligt werden als von mir, aber damit ist, wie ich immer betonen muß, nur erst ein Anfang gemacht“. Wir würden nicht annehmen, dass er die nach seinem Tode vom NS-Regime 1934 tatsächlich gesetzlich erlaubte zwangsweise Sterilisation erbkranker Menschen „billigen wollte“. In dem Sinne betont Elisabeth Schiemann als Zeitzeugin, dass es „Baur begrüßen musste, dass der neue Staat sich den Bestrebungen der Rassehygieniker zu eigen machte“, weil er „Front (macht) gegen Bestrebungen, ein arisches Rasseideal zu züchten und sieht die größte Gefahr nicht in der Verschlechterung der Rasse, sondern in einer verfehlten Familienpolitik und Verstädterung“. Die Verstädterung würde nach Baurs Meinung die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft und damit die Ernährung der Bevölkerung negativ beeinträchtigen. Wir verlassen diese Betrachtungen mit einer Botschaft von Hans Stubbe im Nachruf von 1934 „Baurs Arbeit wurde getragen von der hohen Idee, seinem Volke zu helfen und er leitete den Angriff gegen die Not der Landwirtschaft mit der Kühnheit und der Entschlossenheit eines großen Feldherrn“.

Bezüglich angeblicher Verstrickungen Erwin Baurs in Rassentheorien des Nationalsozialismus, soll auch auf belegte Versuche seitens des NS-Staates hingewiesen werden, sich posthum seiner Autorität zu bemächtigen, um den verbrecherischen Praktiken einen höheren Grad an Akzeptanz zu verschaffen. Uns ist in den eingesehenen Quellen kein Hinweis begegnet, dass Erwin Baur in die eugenische oder rassenhygienische Diskussion enthumanisierende, nazistische Gedanken eingebracht hat. Er war weder Rassist noch Antisemit, aber er hat sich nach der Machtergreifung Hitlers, nicht konsequent gegen die Vereinnahmung eugenischer Ideen durch das NS-Regime ausgesprochen. Man muss ihm zugutehalten, dass der verbrecherische Missbrauch eugenischer Gedanken durch den NS-Staat zu Lebzeiten Baurs noch nicht zutage getreten war. Die Gutachter (Kröner u.a. 1994) bescheinigen, dass Erwin Baur eine geistige Urheberschaft an den historischen Verbrechen, die der Nationalsozialismus begangen hat, nicht angelastet werden kann. Fazit: Wegen der außerordentlichen Bedeutung von Erwin Baur für die Genetik und Pflanzenzüchtung plädieren wir für das Verbleiben des Namens „Erwin-Baur-Platz“ in Gatersleben und die folgende Klarstellung als Ergänzung zum Straßenschild:

Unser Vorschlag für das Zusatzschild zum Straßenschild

Erwin Baur (1875-1933) Bedeutender Genetiker und Pflanzenzüchter. Seinen zeitbedingten genetisch- medizinischen Ansichten kann eine geistige Urheberschaft an den Verbrechen des Nationalsozialismus nicht angelastet werden.

Anhang: Die Eugenik nach 1945: 1948 unterzeichnen die Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. 1969 ändern eugenische Fachzeitschriften ihren Namen (u.a. Social Biology). 1978 erklärte die UNESCO die fundamentale Gleichheit aller Menschen, uneingeschränkt ihrer „Rasse, der Staatsangehörigkeit oder der Religion“ zum Ideal. In Nachfolge ist die Medizinische Genetik oder „Medizingenetik“ heute in ihrem medizinisch-soziologischen Anliegen vergleichbar und ein Teilbereich der Humangenetik.

Literatur (ungenannt bleiben Beiträge aus Wikipedia zu relevanten Themen):

Edda Käding: Hans Stubbe; eine Biographie, ZALF- Bericht in Nr. 36, Müncheberg 2001

Kröner, H.P., R. Toellner und K. Weisemann: Erwin Baur, Naturwissenschaft und Politik, München im Auftrag der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, 1994

Ernst Klee: Das Personen Lexikon zum Dritten Reich, Wer war was vor und nach 1945. 2003

Rolf Knippers: Erwin Baur. Eine wissenschaftliche Biografie, Wissenschaft intern Biospektrum 1.01 43-45, 2001

Rudolf Hagemann: Erwin Baur, Pionier der Genetik und Züchtungsforschung, Seine wissenschaftlichen Leistungen und ihre Ausstrahlung auf Genetik, Biologie und Züchtungsforschung von heute, Verlag Roman Kovar, 2000

Elisabeth Schiemann: Erwin Baur, Berichte der Dtsch. Bot. Ges., Bd. LII, Jahrgang 1934, 2. Generalsversammlungs- Heft, Ausgegeben am 5.7.1935, s51-114

Hans Stubbe: Erwin Baur, in Zeitschrift für induktive Abstammungs- und Vererbungslehre, 66, V-IX, 1934

Hans Stubbe: Gedächtnisrede auf Erwin Baur, gehalten zum 25. Todestag (21.12.1958) in Müncheberg/ Mark. Der Züchter 29, 1-6, 1959

Hans Stubbe: Zum 100. Geburtstag von Erwin Baur. Tagungsbericht Nr. 145. Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der DDR, Berlin 8-16, 1975