Straßennamen in unserer Gemeinde – Hans Stubbe und die Straßennamen am IPK (Teil 1) – Diskussion um Erwin-Baur-Platz

Straßennamen in unserer Gemeinde – Hans Stubbe und die Straßennamen am IPK (Teil 1) – Diskussion um Erwin-Baur-Platz

von: Jürgen Hofemeister, Gudrun Mönke, Ingo Schubert

Woran wollen sie uns erinnern? Der Kantorkamp, offensichtlich an die Wohnung eines Amtsträgers, der Schwabeplan, vermutlich an Zuzügler, die aus Schwaben kamen, andere an Standorte ehemaliger Mühlen, Bäckereien oder Lagerplätze (Stoben- bzw. Holzanger). Wir haben einen Hühnerhof und eine Hühnerbrücke, den Ober- und Unterhof, die Pothofschule und -straße, einen Käthe-Schulken-Weg usw. Je vertrauter wir mit unserer Dorfgeschichte sind, umso mehr solcher Bezüge werden uns einfallen. Schließlich reicht unsere Geschichte über 1000 Jahre zurück. Es sind eben Denkmale, Orte des Erinnerns und machen unseren Ort einzigartig.

Vermutlich hat es in unserer langen Geschichte auch Straßen- oder Ortsbenennungen gegeben, die sich nur eine gewisse Zeit erhalten haben. Es ist kaum verwunderlich, wenn nach umwälzenden Veränderungen gesellschaftlicher Zustände, Namen oder Ortsbezeichnungen nicht mehr toleriert werden. Die gehören auch zu unserer Geschichte. So hat es über etwa 40 Jahre in unserer Gemeinde eine „Thälmannstraße“ gegeben. Die trägt seit der Wiedervereinigung den Namen „Hans-Stubbe-Straße“. Sie erinnert an den Genetiker und Pflanzenzüchtungsforscher Hans Stubbe, der im Auftrag der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, 1943 in der Nähe von Wien das Institut für Kulturpflanzenforschung gründete. Schon 2 Jahre danach, im Frühjahr 1945 sah er sich kriegsbeding gezwungen westwärts in Richtung Quedlinburg zu flüchten. Schließlich fand er in Stecklenberg eine erste Bleibe, um nach erfolgreicher Suche, im Herbst 1945 nach Gatersleben zu wechseln, wo er auf dem Oberhof mit Unterstützung der sowjetischen Verwaltung begann, das Institut für Kulturpflanzenforschung, heute IPK einzurichten.

Ab 1949 begann Hans Stubbe mit dem Auf- und Ausbau des Instituts am damaligen „Wedderstedter Weg“ zu einer „zentralen Forschungsstätte und als kulturelles Zentrum auf dem Lande“. Gleichzeitig wurden Wohnsiedelungen für wissenschaftliche und technische Mitarbeiter und Zugangsstraßen errichtet. Außerdem wurden mit dem Rat der Gemeinde dringend notwendige Maßnahmen zur Verbesserung und Verschönerung des Ortes beschlossen. Die Baumaßnahmen waren 1968 im Wesentlichen abgeschlossen. Leider geht Stubbe in seiner 1982 verfassten „Geschichte des Instituts“ im Detail nicht darauf ein, wer die Namen für die Darwinstraße, Corrensstraße, den Leibnizweg, den Liebigweg oder Erwin-Baur-Platz vorgeschlagen und bestätigt hat. Wir dürfen aber annehmen, dass er als Direktor maßgeblich beteiligt war. Durchweg handelt es sich um herausragende Wissenschaftler, deren Vermächtnis und Vorbild er, der heutigen und künftigen Generation von Mitarbeitern empfehlen wollte. Es ist zu vermuten, dass er im Wohngebiet für den zentralen Platz mit schmaler Grünfläche und Zufahrt zum Schwabeplan, den Namen Erwin Baur vorbehalten hat, seinem Lehrer, der ihn als Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisator prägte. Über etwa 60 Jahre haben wir bisher mit dem Erwin-Baur-Platz in unserer Gemeinde einvernehmlich gelebt.

Jetzt haben wir ein Problem: Am 1./2. August des Jahres erschien in der MZ ein Beitrag zur Zeitgeschichte unter der Überschrift „Minderwertige Mutanten“ mit der Feststellung: „Platz in Gatersleben ist nach Pionier der Züchtungsforschung benannt“ und im Text daran erinnert, „Erwin Baur war ein bedeutender deutscher Pflanzenzüchtungsforscher, aber eben auch Rassenhygieniker, der sich vehement für die Sterilisation geistig und körperlich minderwertiger Mutanten einsetzte“. Im Interview sagt Seeland- Bürgermeisterin Heidrun Meyer, sie sei „schockiert“, „der rassenhygienische Hintergrund Baurs war in der Stadtverwaltung bisher nämlich unbekannt“ und fordert, „Das Thema muss auf den Tisch“. Die Bürger sollten umfassend informiert werden und sich dann letztendlich entscheiden: Sollte man den Platz jetzt umbenennen? Der Bürgermeister der Gemeinde, Mario Lange hat in Vorbereitung einer Entscheidung vorgeschlagen, die „Causa“ „Erwin Baur“ zunächst unter info.gatersleben.de in einer Reihe von Beiträgen zu erörtern. Soviel zum Auftakt und zur Einleitung.