Die Corrensstraße in Gatersleben (Beitrag 5)

Die Corrensstraße in Gatersleben (Beitrag 5)

von Jürgen Hofemeister

Diese Straße verbindet den Schwabeplan bzw. die Lange Straße aus Richtung Hühnerbrücke kommend mit dem Institut. Vor 1946 war es wohl ein Weg in die Wedderstedter Feldflur. Heute ist die Straße beidseitig bebaut. Der Name soll an den Botaniker Carl E. Correns (geb. 1864 in München, 1933 verstorben in Berlin) erinnern, der ab 1885 an den Universitäten München und Graz Botanik, Chemie und Physik studiert, 1889 in Hamburg abschließt und anschließend in verschiedenen botanischen Instituten arbeitet, bevor er an die Universität in Tübingen berufen wird. Angeregt durch Preisausschreiben zu wichtigen Problemen der Biologie im 19. Jahrhundert, etwa zur Frage „Gibt es eine Bastard-Befruchtung im Pflanzenreich?“, beginnen Botaniker, u.a. auch Carl Correns 1894 in Tübingen mit Kreuzungen von rot- und weißblühenden Wunderblumen (Mirabilis jalapa). Mit Glück trifft er die richtige Auswahl des Merkmals und entdeckt gleichzeitig mit Hugo de Vries (in Amsterdam) und Erich von Tschermak (in Wien) um 1900 die Regeln der Vererbung, d. h. die Verteilung der elterlichen Merkmale unter den Nachkommen. Erstaunt müssen sie aber feststellen, dass eben diese Regeln ein Mönch namens Gregor Mendel (1822-1884) in Sitzungen des Naturforschenden Vereins in Brünn bereits 1865 vorgetragen und 1866 als „Versuch über Pflanzenhybriden“ von veröffentlicht hatte. Correns, de Vries und Tschermack gelten also als Wieder- Entdecker. Mendel hatte unter 22 Erbsensorten 7 Merkmalspaare ausgewählt, gekreuzt und die Nachkommen der ersten, zweiten und dritten Generation aufs Genaueste ausgewertet und de facto drei Muster der Aufspaltung beschrieben. Correns hat vorgeschlagen, sie als „Regeln“ und nicht Gesetze zu bezeichnen, weil er und Erwin Baur 1909 bei Kreuzungen mit dem Merkmal „Weißscheckung der Blätter“, auf einen Fall der nicht „mendelnden“ Vererbung aufmerksam wurden. Die Nachkommen grüner bzw. weißgescheckter Elternpflanzen waren nur dann gescheckt, wenn die Mutterpflanzen als Kreuzungspartner weißgescheckt waren. Es musste sich also um Erbträger (Gene) der mütterlichen Eizelle und also um Gene außerhalb der Zellkerne handeln. Der Verdacht fiel umso begründeter auf das Zellplasma (Zytoplasma), weil der väterliche Pollen bei der Befruchtung lediglich den Zellkern, die Mutterpflanze aber sowohl den Zellkern als auch das Zellplasma beisteuert. Zunächst war unklar, um welche Erbträger es sich handeln könnte. Baur vermutete sie in den Plastiden, Correns im Zytoplasma. Schließlich konnte Baur die Fachwelt überzeugen, dass es die Plastiden sind. Auf diesem Wege hat Baur die Plastiden als zytoplasmatische Erbträger entdeckt, die sich autonom vermehren und ihre Merkmale getrennt vom Zellkern mütterlicherseits vererben, was übrigens auch für die Mitochondrien gilt, die damals aber noch wenig erforscht waren. In beiden Fällen handelt es sich um extra-chromosomale Erbträger, deren „Erbgut“ erst nach 1963 als Doppelstrang-DNS isoliert wurde und im Detail heute noch Molekularbiologen und Genetiker beschäftigt.

Carl Correns galt neben Erwin Baur als einer der bedeutendsten Genetiker in Deutschland. 1914 wird er zum ersten Direktor des neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biologie in Berlin-Dahlem berufen. Als solcher ist er bis 1927 Mitglied des Senats der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Gemeinsam gründet er 1921 mit Baur und Goldschmidt die Deutsche Gesellschaft für Vererbungswissenschaft. Als betont unpolitischer Mensch, erhält Correns neben beiden nun auch einen Sitz im preußischen Landesgesundheitsrat im Ausschuss für Bevölkerungswesen und Rassenhygiene. Baur und Correns stehen im freundschaftlichen Austausch, wobei Baur als Pflanzenzüchter, seinen älteren Kollegen als theoretischen Forscher schätzt und zu Rate zieht. Als Correns im Alter von 69 Jahren in Berlin stirbt, ist Baur tief betroffen. Beide hat Hans Stubbe als Gründerväter der Genetik und Kulturpflanzenforschung als Lehrer erlebt und verehrt. Correns Namen tragen Straßen auch in Köln, Münster und Tübingen, sowie ein Platz im Umkreis seines Wirkens in Berlin-Dahlem. Bei einem Besuch in Tübingen haben wir im Stadtpark einen Gedenkstein mit folgender Inschrift entdeckt: Hier leitete Carl Correns, der Stadthalter Mendels das Zeitalter der Vererbungsforschung ein. Wie das Foto, zeigt auch der Stein Carl E. Correns bei Kreuzungsarbeiten.

Autor: juergen.hofemeister@t-online.de