Der Liebigweg in Gatersleben (Beitrag 7)

  • Beitrag veröffentlicht:(Sa) 15.Mai 2021
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von Jürgen Hofemeister

Der Liebigweg führt vom Schwabeplan rechtsseitig zur Corrensstraße durch die Wohnsiedlung zum Institut. Einige Mitbürger werden sich vielleicht an Liebigs Fleischextrakt erinnern, möglich wäre auch an Liebigs Beitrag zur Erfindung von Backpulver. Sicherlich kaum jemand an seine Begeisterung für Knallsilber oder Knallquecksilber. Liebigs Name ist auch mit dem Ersatz von Quecksilber durch Silber für die Beschichtung von Spiegeln oder der Entdeckung von Chloroform als Narkosemittel zu beachten.                                                                                  

Das sind aber eher Marginalien im Vergleich zu den Verdiensten, die ihn in aller Welt berühmt gemacht und sicherlich Hans Stubbe (siehe Beitrag 4) um 1954 veranlasst haben, diesem Weg im Wohnbereich des Instituts seinen Namen zu verleihen. Das waren zweifellos Liebigs Verdienste als Pionier der modernen Landwirtschaft, insbesondere die Idee zum Einsatz und zur Optimierung von Salzen zur Verwendung als Kunstdüngung, was wiederum den Anstoß für die industrielle Produktion gab. Das sind historisch betrachtet, auch die Verdienste, die Großherzog Ludwig von Hessen veranlassten, Liebig in dessen 42igsten Lebensjahr zu adeln, bzw. in den Freiherrnstand zu erheben. Wir sprechen also über Justus von Liebig, der die bahnbrechende Idee hatte, die die Wirtschaftlichkeit der Landwirtschaft durch Versorgung der Pflanzen mit wichtigen Mineralsalzen zu erhöhen, die er als Hauptbestandteile von Pflanzenasche, nämlich Stickstoff, Phosphor und Kalium erkannt hatte. Zwar stießen seine Ideen zunächst auf heftigen Widerstand, weil die Bauern an einer so „einfachen“ Lösung zweifelten und geheime Kräfte des Bodens als Voraussetzung guter Erträge vermuteten. Erst als Liebig seine Voraussage auf einem eigens dafür gekauften Stück unfruchtbaren Landes in der Umgebung Gießens, der heutigen „Liebigshöhe“, glaubhaft demonstrieren konnte, verbreitete sich in Deutschland und weltweit sein Ruf. Um nur einen seiner berühmten Mineraldünger zu nennen, das so genannte Superphosphat, ist auch heute noch der meistverwendete wasserlösliche Phosphatdünger weltweit. Mit dem Risiko geringerer Erträge, probt in unserer Zeit die grüne Landwirtschaft die Vermeidung von Mineraldünger durch Einsatz von Naturdünger beim Anbau von „Bio“ Produkten zur Schonung von Böden und Grundwasser.                 

Justus Liebig wurde als Sohn eines Drogisten am 12. Mai 1803 in Darmstadt geboren. Schon als 15jähriger Schüler verrät er seine Begeisterung für die Chemie mit unerlaubten Knallpulver Experimenten, weswegen er das Gymnasium frühzeitig verlassen muss. Ein Lehrer gibt ihm die wenig ermutigenden Worte auf den Weg: „Du bist ein Schafskopf! Bei dir reicht es nicht mal zum Apothekenlehrling.“ Und tatsächlich endet auch seine Apothekerlehre vorzeitig, weil er während selbiger einen Dachstuhlbrand in der Apotheke verursacht. Trotzdem kann er sich eigenständig auf das Studium der Chemie in Bonn und Erlangen vorbereiten, 1822 eine Doktorarbeit schreiben und weitere zwei Jahre in Paris an der Sorbonne bei den besten Chemielehrern seiner Zeit studieren.                                                      

Schon 1824 ist er Professor für Chemie an der Universität Gießen und hat die Idee zur Einrichtung eines Experimentallabors, was nun auch an anderen Universitäten für die praktische Ausbildung von Studenten der naturwissenschaftlichen Fächer üblich wird. Bis 1852 forscht er in Gießen sehr praxisbezogen und erfolgreich über die Zusammensetzung und den Stoffwechsel bei Pflanzen und Tieren. Nicht ausschließlich aber insbesondere aufgrund von Liebigs Mineraldüngung die Produktion der Landwirtschaft in Deutschland ist zwischen 1873 und 1913 um 90 % gestiegen. In seinen späteren Jahren wird Liebig noch feststellen, dass bei künstlicher Düngung nicht nur Kulturpflanzen besser wachsen, sondern auch Unkräuter, weshalb, heute nicht ohne Bedenken für die Umwelt, Herbizide und Pestizide benötigt werden.

1852 folgt Liebig schließlich dem Ruf von König Maximilian nach München. Ausgehend von seinen pflanzen- und tierphysiologischen Forschungen in Gießen, untersucht er hier die Wirkungen verschiedener Nährstoffe auf die menschliche Ernährung. Im Fleisch der Tiere entdeckt er Stoffe, die in keinem anderen Nahrungsmittel vorhanden sind aber große Bedeutung für Appetit und Verdauung haben. Ab 1862 ist „Liebigs Fleischextrakt“ im industriellen Maßstab produziert auf dem Markt. Seit 1868 empfiehlt Liebig die Verwendung von „Backpulver“ als Ersatz für die verderbliche Hefe. In seiner Zeit des Mangels und der Modernisierung widmet sich Liebig bewusst dem „Dienst zum Wohl der Menschen“ und wird durch Neuerungen in der Landwirtschaft, Ernährung, Gesundheit und Medizin schon allein als Erfinder des Chloroforms, zum Wohltäter der Menschheit.                                                                                   

Justus von Liebig stirbt am 18. April 1873 in München hoch verehrt. Sein wissenschaftliches Werk, sein innovatives Wirken machen ihn weltberühmt. Liebigs Annalen der Chemie bewahren seit 1873 sein Vermächtnis und eben auch der Liebigweg in unserer Gemeinde erinnert an diesen praxisnahen Forscher, Chemiker und Erfinder.